Ernährung: Was der Mensch isst

Ernährung: Was der Mensch isst
Ernährung: Was der Mensch isst
 
Seit eh und je nutzt der Mensch zur Deckung seines Nahrungsbedarfs Pflanzen und Tiere. Das mengenmäßige Verhältnis von pflanzlicher zu tierischer Nahrung unterscheidet sich von Land zu Land zum Teil sehr stark, wofür es mehrere Gründe gibt: ein unterschiedliches Angebot von Nahrungsobjekten in Abhängigkeit von der geographischen Lage, spezielle wirtschaftliche Gegebenheiten eines Landes, die individuelle Einkommenshöhe sowie Nahrungstabus oder Tradition. Arme und reiche Länder weisen beträchtliche Unterschiede auf in der absoluten Menge an Nahrung, die dem einzelnen Menschen zur Verfügung steht. In armen Ländern stellen allgemein Pflanzen die wichtigste Nahrungsquelle dar, oft bilden zwei bis vier kohlenhydratreiche Grundnahrungsmittel die Basis der Versorgung.
 
 Nahrung pflanzlicher Herkunft
 
Die Zahl der in größerem Umfang als Nahrungsspender dienenden Nutzpflanzen ist relativ klein; vor allem dienen nur wenige Arten der Grundversorgung. Weizen, Reis und Mais spielen weltweit gesehen bei der Versorgung mit Nahrungsenergie und Nahrungseiweiß die größte Rolle. Die ursprüngliche Vielfalt der zur Deckung des Grundbedarfs verwendeten Pflanzen hat zuerst beim Übergang vom Wildbeutertum zur Landwirtschaft abgenommen. Im Verlauf der Agrargeschichte hat sich dieser Vorgang fortgesetzt und in der jüngsten Vergangenheit hat sich auch noch die ursprüngliche Sortenvielfalt dieser Nutzpflanzen stark vermindert. Im Gegensatz dazu nahm, dank der modernen Transportkapazitäten in den wohlhabenden Industrieländern wie Deutschland, gleichzeitig das Angebot an solchen pflanzlichen Erzeugnissen stark zu, die über den Grundbedarf an Energie und Eiweiß hinausgehen. Heute wird hier ein breites Angebot von Gemüse und Früchten aus anderen Klimaregionen eingeführt, die vor allem zur Versorgung mit Vitaminen einen Beitrag leisten. Parallel zu der Zunahme des Imports exotischer Produkte ist in den letzten 50 Jahren in Deutschland und anderswo die Vielfalt an einzelnen Kulturpflanzensorten stark zurückgegangen, so zum Beispiel bei einheimischen Apfel- und Birnensorten.
 
 
In der Weltproduktion von Nahrungspflanzen steht Getreide der Menge nach mit weitem Abstand an der Spitze, vor den Nahrungspflanzengruppen Knollenfrüchte, Gemüse und Melonen sowie Obst. Beträchtliche Anteile, vor allem auch an Getreide, werden aber nicht direkt als Nahrungsmittel genutzt, sondern an Haustiere verfüttert. In den Industrieländern liegt dieser Anteil beim Getreide insgesamt um 60 Prozent, in weniger entwickelten Ländern sind es nur circa 15 Prozent, aber mit steigender Tendenz. Von Land zu Land bestehen zum Teil erhebliche Unterschiede.
 
Die Weltgetreideproduktion lag 1997 trotz leichten Anstiegs knapp unter der Verbrauchsmenge, sodass auf Lagerbestände zurückgegriffen werden musste. Schwankungen der Erntemenge ergeben sich vor allem aus wechselnden Witterungsverhältnissen. Es gibt aber auch ungewollte Minderungen aufgrund politisch-wirtschaftlicher Probleme, wie beispielsweise in den GUS-Staaten Anfang der 1990er-Jahre, oder gewollte Minderungen, wie sie in den EU-Staaten durch Flächenstilllegungen erreicht werden. Getreide ist ein wesentliches Objekt des Welthandels; die USA, Kanada, die EU-Länder, Australien, Argentinien und — beim Reis — Thailand, Vietnam und Indien waren 1997 die wichtigsten Exportländer; Hauptimportländer waren Japan und die finanzstärkeren Entwicklungsländer. Viele der sehr armen, weniger entwickelten Länder hätten gerne Getreide gekauft, konnten es aber nicht bezahlen; hier ist teilweise mit Spenden geholfen worden. Geringen Anteil am weltweiten Getreidehandel haben die Hirsen. Diese werden zu etwa drei Vierteln in weniger entwickelten Ländern angebaut und auch verbraucht. Sie stellen dort vielfach ein wichtiges Grundnahrungsmittel dar, so in Teilen Indiens und in einigen afrikanischen Ländern. Größere Exporte (USA, Argentinien) gibt es nur bei Sorghum-Hirse.
 
Die ebenfalls vor allem Kohlenhydrate liefernden Knollenfrüchte sind kein Objekt des großen Welthandels, sondern werden jeweils in enger umgrenzten Gebieten angebaut und genutzt. So wird die Kartoffel außer in Europa vor allem in China, den USA und Indien angebaut. Maniok wird außer im Ursprungsland Brasilien in mehreren afrikanischen Ländern, so unter anderem in Zaire, Nigeria, Tansania sowie im tropischen Asien (Thailand, Indonesien, Indien) genutzt. Die Süßkartoffel wird heute weltweit in den Tropen und Subtropen angebaut und vertritt die Kartoffel in Gebieten, wo diese nicht gedeiht. Die gleichfalls ähnlich der Kartoffel genutzte Jamswurzel kultiviert man in feuchten tropischen afrikanischen Ländern sowie in Brasilien.
 
Erhebliche weltwirtschaftliche Bedeutung haben die das Kohlenhydrat Saccharose (Rohrzucker) liefernden Pflanzen Zuckerrohr und Zuckerrübe, wobei neben der Speisezuckerherstellung auch technisch anzuwendende Produkte eine Rolle spielen. So kann etwa aus Zuckerrohr Biosprit erzeugt werden.
 
 Pflanzen, die Eiweiße und Fette liefern
 
Bohnen, Erbsen, Linsen, Kichererbse und einige weitere, kleinräumig genutzte Hülsenfrüchte enthalten in ihren Samen neben Kohlenhydraten und Fetten vor allem erhebliche Eiweißmengen, die sie zu wichtigen Nahrungspflanzen machen. Die meisten Pflanzen enthalten nur so geringe Eiweißmengen, dass der Mensch bei deren ausschließlicher Nutzung zur Sicherstellung seiner Versorgung auf Verzehr von eiweißreicher Nahrung tierischen Ursprungs angewiesen ist. Hülsenfrüchte hingegen können Mangel an Fleisch weitgehend kompensieren. Allerdings entspricht das Pflanzeneiweiß in den Anteilen lebensnotwendiger Aminosäuren nicht ganz den menschlichen Ansprüchen. Entweder müssen deshalb doch tierische Eiweiße zur Ergänzung aufgenommen werden oder es müssen solche Nahrungspflanzen kombiniert werden, deren Aminosäurespektren sich ergänzen, zum Beispiel Gartenbohne und Mais. Neuerdings versucht man, durch züchterische Maßnahmen oder gentechnische Eingriffe die Eiweißqualität von wichtigen Nutzpflanzenarten den menschlichen Ansprüchen besser anzupassen. Hülsenfrüchte werden heute in größerem Umfang in Indien, China, Frankreich, Brasilien, Russland und in der Ukraine angebaut. Neben der Gartenbohne und anderen neuweltlichen Phaseolus-Arten handelt es sich um altweltliche Vignabohnen (unter anderem Urd- und Mungobohne), Dicke Bohnen, Gartenerbsen, Linsen und Kichererbse, Letztere vor allem in Indien und Pakistan. Die Samen der Kichererbse und der vor allem in Indien angebauten Wicken (Arten der Gattung Lathyrus) enthalten toxische Inhaltsstoffe und können daher bei einseitigem Verzehr zu Gesundheitsstörungen, dem Lathyrismus, führen.
 
Einige Hülsenfrüchtler enthalten neben hohen Eiweißanteilen auch viel Fett (Öl) in den Samen. So ist die Sojabohne weltweit die wichtigste Ölpflanze: 1997 betrug ihr Anteil 52 Prozent an den Ölsaaten. Sojaöl wird zur Margarineherstellung genutzt, Sojaschrot dient als eiweißhaltiges Futtermittel für Haustiere. Die aus Ostasien stammende Sojabohne gelangte am Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa sowie nach Amerika und ist heute eine Weltwirtschaftspflanze. Zu den Hülsenfrüchtlern mit fettreichen Samen gehört auch die Erdnuss.
 
Eine Reihe von weiteren Pflanzen, die Ölfrüchte, spielen als Lieferanten von Fett beziehungsweise Öl eine bedeutende Rolle. Raps und die enge Verwandte Rübsen stammen vermutlich aus dem europäischen Raum und werden heute weltweit in der gemäßigten Klimazone, also außer in Europa unter anderem auch in Kanada, China und Indien, angebaut. Rapssaat wird in Europa zu einem erheblichen Teil industriell genutzt, so etwa zur Herstellung von »Biodiesel«. Neue Züchtungen (erucasäurefreie Sorten) machen das Rapsöl für die Margarineherstellung und somit für Ernährungszwecke geeigneter. Die ebenfalls zu den Ölfrüchten zählende Sonnenblume stammt aus Nordamerika, wird heute aber unter anderem auch in Europa kultiviert. Bei der tropischen Ölpalme wird zum einen Palmöl aus dem Fruchtfleisch gewonnen, zum anderen liefern die Kerne das Palmkernfett. Oliven als Frucht des Ölbaums sind ein uraltes Ernteprodukt des Mittelmeergebiets, wo auch heute noch der größte Teil des Olivenöls produziert wird. Besondere Bedeutung unter den Öl liefernden Pflanzen kommt der Kokospalme zu, die heute eine Weltwirtschaftspflanze ist.
 
 Gemüse und Obst liefern Ballaststoffe und Vitamine
 
Gemüse liefernde Pflanzen tragen gegenüber den vorher besprochenen Gruppen weniger zur Grundnährstoffversorgung bei, denn sie enthalten relativ wenig Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette. Hingegen ist Gemüse wichtig zur Versorgung mit Vitaminen, Salzen und Spurenelementen sowie mit Gewürz- und Ballaststoffen. Gemüse wird in gekochtem Zustand oder roh als Salat verzehrt. Statistisch gesehen werden die Fruchtgemüse wie Kürbis, Okra oder Tomate (die auch als Obst zählen könnte) zum Gemüse gerechnet, ebenso die Melonen.
 
Als Obst werden Samen und Früchte bezeichnet, die in der Regel im rohem Zustand gegessen werden. Samen enthalten einen hohen Nährstoffgehalt; Beispiele für »Samenobst« sind Haselnuss, Walnuss, Pistazie und Mandel. Bei den Früchten, wie zum Beispiel der Kirsche, werden die Samen nicht mitgegessen oder sie sind, wie beispielsweise bei der Erdbeere oder der Kiwifrucht, sehr klein, sodass sie verschluckt werden. Das eigentliche Nahrungsobjekt ist also das sehr wasserhaltige Fruchtfleisch mit geringem Nährstoffgehalt, aber wichtigen Vitaminen und Salzen. An der Spitze der Produktionsmenge liegen die Zitrusfrüchte, vor allem Apfelsine, Zitrone und Mandarine, es folgen Obstbanane und Äpfel. Auf Einzelheiten soll hier verzichtet werden; erwähnt werden müssen nur noch die Datteln, die ebenso wie die von der Obstbanane zu unterscheidende Mehlbanane regional ein wichtiges Grundnahrungsmittel darstellen, da sie anders als die meisten Obstsorten einen hohen Kohlenhydratgehalt aufweisen.
 
 Haustiere als Nahrungslieferanten
 
Die Zahl der in irgendeiner Form der Nahrungsgewinnung dienenden Haustiere lässt sich auf 30 Arten beziffern, wenn die Honigbiene als Honigproduzent und die in der europäischen Teichwirtschaft wichtigen Fischarten Karpfen und Regenbogenforelle mit eingeschlossen werden. Unter den weltweit mehr als vier Milliarden größeren Haustieren überwiegen Rinder und Schafe, beim Geflügel stehen die Hühner mit dreizehn Milliarden an der Spitze. Die für die einzelnen Arten genannten Zahlen lassen jedoch nicht unmittelbar auf die produzierten Fleischmengen schließen. Bei einem Teil der Rinder, Wasserbüffel, Schafe und Ziegen steht nicht die Fleischgewinnung, sondern die Milchproduktion im Vordergrund, bei Hühnern die Eiproduktion. Pferde und Esel dienen vorrangig als Arbeits- und Reittiere und werden dann erst bei nachlassender Leistungskraft geschlachtet. Bei Schafen steht vielfach die Wollproduktion an erster Stelle, lokal auch die Pelzgewinnung, wie beim Karakulschaf, das den »Persianer« liefert. Die jeweils am Jahresende vorgenommenen Bestandsschätzungen lassen allgemein keinen Rückschluss auf die Zahl der Schlachtungen zu. So erreichen beispielsweise moderne Schweinerassen bei intensiver Mast ihre Schlachtreife in sechs bis sieben Monaten. Entprechend liegt die Zahl der Schlachtungen weit über der Bestandszahl.
 
 Fleischproduktion und Fleischkonsum
 
Weltweit betrachtet liegt die Produktion von Schweinefleisch an der Spitze, gefolgt von Geflügelfleisch sowie Rind-, Kalb- und Büffelfleisch. Zwischen 1987 und 1997 stieg die gesamte Fleischproduktion um mehr als ein Drittel an; den stärksten Zuwachs (73 %) erzielte dabei Geflügelfleisch vor Schweinefleisch (42 %). Dabei ist die Situation in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. China und die USA führen in der Fleischerzeugung, dann folgt mit sehr deutlichem Abstand Brasilien; Deutschland schließlich liegt an sechster Stelle. Während in China, wie auch in Deutschland, die Schweinefleischerzeugung überwiegt, werden in den USA und Brasilien in erster Linie Geflügel- und Rindfleisch produziert. Der Anstieg der Fleischproduktion im betrachteten Zeitraum war in manchen Ländern sehr hoch, so beispielsweise in China mit 175 % und vor allem in Indien mit 240 %. Letzteres ist umso bemerkenswerter, als im hinduistischen Kulturkreis an sich traditionell wenig oder gar kein Fleisch gegessen wird.
 
Der Produktionsanstieg weist hier auf eine stärkere Nachfrage im Zusammenhang mit einer Verbesserung des Lebensstandards hin. So lässt sich allgemein feststellen, dass mit steigender Entwicklungshöhe eines Landes der Fleischkonsum zunimmt. In Deutschland hingegen zeigt sich eine gegenläufige Tendenz, denn dort ging in den 1990er-Jahren die Fleischerzeugung zurück; eine Tendenz, die auch in anderen europäischen Ländern festzustellen war. Hier liegt die Ursache vor allem im Abbau einer vorher bestehenden Überproduktion. Seit 1990 war in Deutschland darüber hinaus ein deutlicher Rückgang des Verzehrs von Rindfleisch und — ab 1995 — Schweinefleisch zu verzeichnen. Der sinkende Fleischverbrauch wird auf einen Wandel in der Bewertung des Lebensmittels Fleisch zurückgeführt. Dabei spielen Tierschutzaspekte, insbesondere der Widerstand gegen die Lebendtiertransporte, ökologische Belange wie Umweltverschmutzung durch Tierhaltung sowie die allgemeine gesundheitliche Bewertung von Fleisch eine Rolle. Im Vordergrund stehen jedoch spezielle aktuelle Probleme, wie das Auftreten der BSE-Seuche (»Rinderwahnsinn«), die das Verbraucherverhalten stark beeinflusst haben.
 
Etwa ein Zehntel der Fleischproduktion geht in den Welthandel. Generell gilt, dass sich die Industrieländer weitgehend selbst versorgen, für den Rest besteht untereinander Handelsaustausch. So importierte beispielsweise Japan im Jahr 1994 etwa 1,5 Millionen Tonnen Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch bei einer Eigenproduktion von 3,3 Millionen Tonnen. In den weniger entwickelten Ländern hingegen spielt der Welthandel für die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch keine wesentliche Rolle; der Export ist minimal, für Importe fehlt das Geld. Die relativ geringe Eigenproduktion an sich, aber auch die Armut größerer Teile der Bevölkerung führen zu einer im Vergleich mit den entwickelten Ländern sehr geringen Versorgung mit Fleisch.
 
 Trockenmilch und Butter
 
Die Milcherzeugung durch Rinder (Kuhmilch) erreicht etwa den sechsfachen Wert der übrigen Milch gebenden Tiere. An der Spitze der Kuhmilch produzierenden Länder liegen die USA, Russland, Indien vor Deutschland und Frankreich. Büffelmilch und Ziegenmilch werden vor allem in Indien produziert, Schwerpunkte der Schafmilchproduktion sind Türkei, Iran und Italien. Im Welthandel dominieren bei den Milcherzeugnissen Magermilchpulver und Butter, die anteilig etwa sieben beziehungsweise fünf Prozent der Milchproduktion ausmachen. Hauptexportländer von Trockenmilch sind die Niederlande, Deutschland, Frankreich und Neuseeland, wobei rund 60 % der etwa drei Millionen Tonnen in die weniger entwickelten Länder gehen. Der größte Anteil am Butterexport entfällt auf die Europäische Union, gefolgt von Neuseeland. Lediglich ein Drittel der gehandelten Menge gelangt in weniger entwickelte Länder. Die Importe in Entwicklungsländer machen bei Magermilchpulver etwa 13 Prozent, bei Butter etwa 5 Prozent von deren Eigenproduktion aus und verbessern die Versorgungslage insgesamt nicht nachhaltig. Milchpulver eignet sich im Übrigen auch nicht besonders als Ernährungshilfe in den ärmsten Ländern, da dort Mangel an gesundheitlich unbedenklichem Trinkwasser zum Auflösen des Pulvers besteht und Brennmaterial zum Kochen oft knapp ist. Dazu kommt noch das Problem der bereits erwähnten in manchen Ländern verbreiteten Lactoseunverträglichkeit.
 
 Entwicklungsländer brauchen eine Erhöhung der Eigenproduktion bei nachhaltiger Wirtschaftsweise
 
Insgesamt ist die Fleisch- und Milcherzeugung pro Kopf der Bevölkerung in den weniger entwickelten Ländern um so vieles geringer als in den entwickelten Ländern, dass ein Ausgleich über den Welthandel unmöglich erscheint und der einzig sinnvolle Weg in einer Steigerung der Eigenproduktion zu sehen ist. Auch hinsichtlich des starken Bevölkerungswachstums in den weniger entwickelten Ländern ist dies selbst dann unverzichtbar, wenn man nur die bisherige sehr geringe Pro-Kopf-Versorgungsrate bei Fleisch und Milch sicherstellen will. Und selbst dann wird die Eigenproduktion schon deshalb nicht ausreichen, weil aufgrund steigenden Einkommens und zunehmender Verstädterung in den besser gestellten Entwicklungsländern die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten ansteigt.
 
In diesem Zusammenhang stellt sich die grundsätzliche Frage, wie die Tierproduktion in den weniger entwickelten Ländern aussehen sollte. Kann die moderne Tierproduktion der Industrieländer mit ihrem hohen Einsatz qualitativ hochwertiger Futtermittel als Vorbild dienen oder ist eine Rückbesinnung auf ursprünglichere Haltungsweisen sinnvoller? Das aktuelle Schlagwort von der Notwendigkeit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise deutet auf die zweite Alternative hin. Bei der nachhaltigen Wirtschaftsweise geht es letztlich um eine umweltschonende Bewirtschaftung von Ressourcen wie Pflanzenbestand, Boden und Wasser, sodass diese auf Dauer verfügbar bleiben. Dabei kommen der standortgerechten Nutzung, die Klima und Geländestrukturen berücksichtigt, und der Beachtung traditionsbedingter Sozialstrukturen und Verhaltensweisen maßgebliche Bedeutung zu. Aus der modernen Landwirtschaft der entwickelten Länder sollten andererseits die reichen Erfahrungen insbesondere auf den Gebieten der Züchtung und Tiermedizin übernommen werden.
 
Eine Verfütterung hochwertiger, auch für die menschliche Ernährung direkt nutzbarer Produkte an Haustiere macht in den Entwicklungsländern angesichts der schmalen Versorgungsbasis mit Grundnahrungsmitteln pflanzlicher Herkunft keinen Sinn. Haustiere sollten nicht zum Nahrungskonkurrenten des Menschen werden, sondern für den Menschen ernährungsphysiologisch ungeeignetes Pflanzenmaterial, wie Raufutter und vor allem Gras, verwerten und in geeignete Nahrungsstoffe umwandeln. In den weniger entwickelten Ländern gibt es große natürliche Weideflächen, die nicht zum Ackerbau geeignet sind und deshalb nur über die extensive Viehhaltung zur menschlichen Ernährung beitragen können. Dabei besteht allerdings die Gefahr der Vegetationszerstörung durch zu hohen Weidetierbesatz, was vielerorts schon die Produktionsbasis gefährdet hat.
 
 
Das Aufsammeln von Muscheln oder Schnecken und der Fang von Fischen und anderen Wassertieren gehören zu den ältesten Formen des menschlichen Nahrungserwerbs, der ursprünglich vom Ufer aus oder im Flachwasser betrieben wurde. Später wurden mit Booten Binnengewässer und Küstenmeere für den Fischfang erschlossen. Mit der technischen Weiterentwicklung der Schifffahrt wurde auch die Hochsee zugänglich. Fangtechnischer Fortschritt und moderne Verfahren der Fischverarbeitung und der Haltbarmachung erlauben heute Massenfänge in weit entfernten Meeresgebieten.
 
Der technische Fortschritt spiegelt sich in den Fangzahlen wider. Im Meer wurden um 1900 etwa sieben Millionen Tonnen Fisch und andere Meerestiere gefangen. Um 1950 waren es etwa 18 Millionen Tonnen und um 1990 etwa 80 Millionen Tonnen. Nach einigen Jahren der Stagnation stiegen die Fänge wieder an, wobei der Zuwachs jedoch vor allem Industriefische und weniger die Konsumfische betraf. Mit der Steigerung der Fischfangmengen im Meer ging eine Verdopplung der Fangflotte an großen Schiffen einher, sodass heute die Kapazität der Fischindustrie etwa doppelt so groß ist, wie zum Erreichen der aktuellen jährlichen Fangmenge nötig wäre. Die Überkapazität wird durch hohe staatliche Subventionen aufrechterhalten. Diese Situation fördert die Überfischung mit der Folge absinkender Bestandszahlen und damit verringerter oder ausbleibender Fänge. Etwa 70 Prozent der Bestände an Meeresnutzfischen sind entweder bis an die Grenze der bestandserhaltenden Fortpflanzungskapazität genutzt oder überfischt, wenn nicht erschöpft, also unmittelbar in der Existenz bedroht. Neben übermäßiger Befischung gefährdet regional auch die Meeresverschmutzung die Bestände. Internationale Abmachungen und Regelwerke versuchen den Gefährdungen entgegen zu wirken.
 
 
Im Binnenland wurden ursprünglich nur Seen und Fließgewässer befischt. Darüber hinaus gibt es jedoch seit mindestens dreitausend Jahren in China beziehungsweise seit zweitausend Jahren in Europa eine Fischproduktion in künstlich angelegten Teichen, also nach heutigem Verständnis eine Form von Aquakultur. In dicht besiedelten und industrialisierten Gebieten wie in Mitteleuropa ist die Flussfischerei aufgrund von Abwasserbelastung und Gewässerausbau weitgehend zum Erliegen gekommen, teilweise hat auch die Fischerei in Seen Einbußen erlitten. Andererseits hat die Aquakultur weltweit seit 40 Jahren stark zugenommen, sodass 1996 die Binnenfischereierträge insgesamt bei 23 Millionen Tonnen lagen, also sich gegenüber 1950 etwa versechsfacht haben. Den größten Anteil erwirtschaftet China mit 12,4 Millionen Tonnen, von denen 85 % aus der Aquakultur stammen.
 
Aquakultur wird im Süßwasser und im Meer betrieben; der Ertrag an Tieren belief sich 1996 auf rund 26 Millionen Tonnen. Etwa zwei Drittel davon sind Fische; der Rest entfällt auf Krebse (4 %) — zumeist Garnelen — sowie Weichtiere (32 %), wobei es sich hierbei fast ausschließlich um Muscheln und nur ganz wenige Schnecken handelt. Von den Fischen wird der weitaus größere Teil im Süßwasser produziert. An der Spitze stehen dabei Silberkarpfen, Graskarpfen und Gemeiner Karpfen, die überwiegend in Ostasien gehalten werden. Auf die Aquakultur im Meer (Marikultur) entfällt ein Anteil von 41 %, dabei handelt es sich überwiegend um Muscheln. Bei den Fischen dominieren Milchfisch (Ost- und Südostasien) sowie Atlantischer Lachs (vor allem in Norwegen). Insbesondere in Ostasien werden auch Algen, vor allem Braunalgen (Tange), für den menschlichen Verzehr gezüchtet (1996: 7,7 Millionen Tonnen).
 
 Der Aquakultur kommt wachsende Bedeutung zu
 
Bei der Versorgung der Menschheit mit Fischen kommt der Binnenfischerei, vor allem der Aquakultur, heute eine zentrale Bedeutung zu. Während sich nämlich der Konsumfischfang im Meer von 1990 bis 1996 kaum veränderte und bei knapp 50 Millionen Tonnen lag, stiegen die Gesamtfischerträge im Binnenland in dieser Zeit um rund 55 Prozent auf 22 Millionen Tonnen, wobei der Aquakultur eine entscheidende Rolle zukommt. Insgesamt stand an Fischen zum menschlichen Verzehr also 1996 weltweit eine Fangmenge von 72 Millionen Tonnen zur Verfügung, was rein rechnerisch im Jahr 12,4 kg Fisch pro Kopf bedeutet. (Zum Vergleich: Der Fischverzehr in Deutschland liegt bei 14 kg pro Kopf.) Die Bedeutung der Fischereiprodukte für die Ernährung unterscheidet sich nach Weltregion und Land sehr stark. Nimmt man den prozentualen Anteil von Fischprodukten am gesamten täglichen Eiweißangebot als Maß, dann liegen die Regionen Südasien sowie Ostasien inklusive Pazifik deutlich an der Spitze. Unter den Staaten dominiert Japan.
 
Prof. Dr. Hartmut Bick
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Welternährung: Gegenwart und Zukunft
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Welternährung: Geschichte der Nahrungsgewinnung
 
 
Farbatlas Tropenpflanzen, bearbeitet von Andreas Bärtels. Stuttgart 41996.
 Franke, Wolfgang: Nutzpflanzenkunde. Nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen. Stuttgart u. a. 61997.
 Geisler, Gerhard: Farbatlas landwirtschaftliche Kulturpflanzen. Stuttgart 1991.
 Körber-Grohne, Udelgard: Nutzpflanzen in Deutschland. Kulturgeschichte und Biologie. Stuttgart 31994.
 
Nutztiere der Tropen und Subtropen, herausgegeben von Siegfried Legel. Band 2: Büffel, Kamele, Schafe, Ziegen, Wildtiere, bearbeitet von Dietrich Altmann u. a. Stuttgart u. a. 1990.
 Schug, Walter u. a.: Welternährung. Herausforderung an Pflanzenbau und Tierhaltung. Darmstadt 1996.
 Tivy, Joy: Landwirtschaft und Umwelt. Agrarökosysteme in der Biosphäre. Aus dem Englischen. Heidelberg u. a. 1993.

Universal-Lexikon. 2012.

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